{"id":100,"date":"2016-06-18T04:32:04","date_gmt":"2016-06-18T02:32:04","guid":{"rendered":"http:\/\/waldkritik.de\/?p=100"},"modified":"2016-08-12T07:50:00","modified_gmt":"2016-08-12T05:50:00","slug":"die-schleichende-abkehr-vom-prinzip-der-nachhaltigkeit-im-oeffentlichen-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldkritik.de\/?p=100","title":{"rendered":"Die schleichende Abkehr vom Prinzip der  Nachhaltigkeit im \u00d6ffentlichen Wald."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Kritische Betrachtungen zur Wirklichkeit im Jubil\u00e4umsjahr<\/strong><\/em><br \/>\nvon Richard Koch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Jahr feierte die deutsche Forstwirtschaft \u201e300 Jahre Nachhaltigkeit\u201c. Das Prinzip der Nachhaltigkeit gilt heute als \u201eglobales Leitbild\u201c, Politiker bezeichnen es als \u201e\u00dcberlebensprinzip\u201c, sogar jede wirtschaftliche Heuschrecke nimmt sie f\u00fcr sich in Anspruch \u2013 und die \u00f6ffentlichen Forstverwaltungen haben sich schleichend davon verabschiedet, einhergehend mit den massiven Stellenstreichungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einige Beispiele aus Baden- W\u00fcrttemberg:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Waldverw\u00fcstung durch Gro\u00dfmaschinen.<\/strong><br \/>\nVorab sei klargestellt : Niemand ist gegen mechanisierte Holzernte, sofern sie in geeigneten Best\u00e4nden stattfindet, auf geeigneten Standorten, mit geeigneter Technik, bei geeigneter Witterung. In der Realit\u00e4t sind es meist mehrere dieser Voraussetzungen die nicht zutreffen, die Sch\u00e4den am Standort (\u201eErhaltung der Bodenfruchtbarkeit\u201c) sind immens, am Bestand (Verj\u00fcngung) teilweise auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Best\u00e4nde sind heute nach mehreren Vollerntereins\u00e4tzen zu 30 % und mehr befahren, nicht (nur) mit wilder Befahrung, sondern \u00a0mit R\u00fcckegassen, die mehrfach um- verlegt wurden, entsprechend dem jeweiligen Stand der Technik. Ich kenne au\u00dferdem Sturmfl\u00e4chen, die sind total befahren, zwei Kulturen sind nacheinander abgestorben (erst Eiche, dann Bergahorn), jetzt stocken Brombeere und Hecken darauf mit etwas Nu\u00df im Weitverband dar\u00fcber.<br \/>\nNachdem die ebenen Lagen im \u00d6ffentlichen Wald\u00a0durch Befahrung nun \u201enachhaltig\u201c \u201everrammelt\u201c sind, erm\u00f6glicht die neueste Technik die Befahrung von Steilh\u00e4ngen. Teilweise werden vollst\u00e4ndig mit Maschinenwegen erschlossene\u00a0H\u00e4nge mit R\u00fcckegassen in Falllinie \u00fcberfahren, die Technik ist betriebseigen vorhanden und wird eingesetzt, die Erosionsgefahr (Hangwasser) wird ausgeblendet. Auf der st\u00e4ndigen Suche nach Einschlagsm\u00f6glichkeiten sind die meisten Revierleiter f\u00fcr die\u00a0 hohen Hektaranf\u00e4lle (Gassenanf\u00e4lle) dankbar, und sie stellen\u00a0 ihre Bedenken zur\u00fcck.<br \/>\nVerschiedene KWF- Tagungen waren sicher Versuche, Bodenkunde und Maschineneinsatz in Einklang zu bringen, es traf dort aber \u2013 wie schon seit Jahren &#8211; eine schlafm\u00fctzige Bodenkunde auf eine pfiffige Maschinenlobby. W\u00e4hrend die Bodenkundler \u00fcber die Sanierung der Befahrungssch\u00e4den mittels Erlen philosophierten, ohne \u00fcberhaupt zu registrieren, in welch gigantischem Ausma\u00df noch immer Neubefahrung stattfindet, verbreiteten die Maschinenleute weiter erfolgreich ihre M\u00e4hr von der \u201eArmierung der R\u00fcckegassen\u201c mittels \u00c4sten und Gipfelholz. Die Argumentation mit dieser Art der Gassenbefestigung ist erstaunlicherweise noch immer erfolgreich, keiner enttarnt sie als die gigantische Scharlatanerie, die sie ist : Wenn argumentiert wird, da\u00df es Fl\u00e4chen gibt auf denen produziert wird, und Fl\u00e4chen, auf denen notgedrungen gefahren werden muss, geh\u00f6rt das organische Material auf die Produktionsfl\u00e4che, sonst f\u00e4hrt man bei jedem weiteren Eingriff in mehr Humus herum, w\u00e4hrend auf der Fl\u00e4che die N\u00e4hrstoffe fehlen.\u00a0 Au\u00dferdem reicht das Material bestenfalls bei den ersten planm\u00e4\u00dfigen Eingriffen aus, um eine halbwegs tragende \u201eArmierung\u201c zu erreichen.<br \/>\nBesonders bedenklich ist, da\u00df Verwaltungsspitze, Haupt- Zertifizierer und Forsteinrichtung alle Hinweise ignorieren, und sich nicht mit dem Umfang der Fl\u00e4chenbefahrung und dem Ausma\u00df der Bodensch\u00e4den auseinandersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Unterhaltung der R\u00fcckegassen und Maschinenwege<\/strong><br \/>\nDie vorhandene Feinerschlie\u00dfung ist in vielen Betrieben ungepflegt und nur eingeschr\u00e4nkt benutzbar, auf weicheren Standortspartien haben sich Feuchtbiotope gebildet, vor allem auf den Sturmfl\u00e4chen ist sie zugewachsen und kaum noch erkennbar. Kleinere Zuf\u00e4llige Anf\u00e4lle k\u00f6nnen nicht genutzt werden, eine k\u00fcnftige Neuerschlie\u00dfung (mit Neubefahrung) ist naheliegend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. N\u00e4hrstoffentzug<\/strong><br \/>\nDie Deponierung des organischen Materials auf den Gassen und die Ganzbaumnutzung f\u00fchren zu einem N\u00e4hrstoffentzug, der gr\u00f6\u00dfenordnungsm\u00e4\u00dfig fr\u00fcherer Streunutzung nahe kommt. Die langfristigen Folgen sind daher bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Waldbau<\/strong><br \/>\nDie h\u00e4ufig angeordnete Durchforstungstheorie hat in vielen Best\u00e4nden zu einer Verschlechterung der Holzqualit\u00e4t und einem gro\u00dfem Verlust an Stammzahl gef\u00fchrt : In Durchforstungsbest\u00e4nden mit etwas Struktur wird \u2013 wohl unter dem Eindruck der St\u00fcrme der letzte Jahrzehnte \u2013 der vorherrschende, stabile, aber qualitativ schlechte Stamm zum Z- Stamm erkoren, entfernt werden die qualitativ guten, mitherrschenden St\u00e4mme, der ausscheidende Bestand ist schwach und stammzahlreich. Eine andere Auswahl w\u00fcrde aber vorsichtigere Eingriffsst\u00e4rken voraussetzen.<br \/>\nDamit einhergegangen ist eine starke Zur\u00fcckdr\u00e4ngung von Fichte, auch auf geeigneten Standorten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. Forsteinrichtung<\/strong><br \/>\nDie Forsteinrichtung hat in den letzten beiden Jahrzehnten f\u00fcr viel Geld mit Betriebsinventuren gearbeitet, bei denen es reiner Zufall w\u00e4re, w\u00fcrde au\u00dfer der Jahreszahl eine weitere Zahl stimmen. Vorrat und Zuwachs wurden h\u00e4ufig zu hoch \u201eberechnet\u201c, es wurden eine Periode lang \u00dcbervorr\u00e4te abgebaut, die praktisch nicht vorhanden waren, bei der Neueinrichtung geht der Hiebsatz merklich zur\u00fcck, dem Waldbesitzer wird erz\u00e4hlt, die Voreinrichtung habe den Vorrat \u201e\u00fcbersch\u00e4tzt\u201c, nachdem damals argumentiert worden war \u201ewir hatten noch nie genauere Zahlen \u00fcber ihren Wald\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6.Jagd<\/strong><br \/>\nIn den Sturmfl\u00e4chen der letzen Jahrzehnte haben sich hohe Schalenwildbest\u00e4nde entwickelt, die gewaltige Sch\u00e4den verursachen und noch verursachen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Naturschutz<\/strong><br \/>\nDer Druck des Naturschutzes auf Ausweisung gr\u00f6\u00dferer Alt- und Totholzfl\u00e4chen ist enorm. F\u00fcr den Waldbesitzer gibt es aber mit Sicherheit bessere \u201eGesch\u00e4fte\u201c, als aus einem Bestand 150 Jahre lang die qualitativ schlechteren Exemplare herauszuhauen, um die guten zu f\u00f6rdern, und diese dann aus Naturschutzgr\u00fcnden verfaulen zu lassen. Da\u00df dies trotzdem geschieht, ist die Entscheidung des Waldbesitzers. Verwerflich ist lediglich, wenn die Forstverwaltung dem (kommunalen) Waldbesitzer es so empfiehlt, dies sei ein gutes Werk f\u00fcr den Naturschutz, ihm aber nicht darlegt, was ihn dieses gute Werk an Nutzungsentgang \u201ekostet\u201c. Bei Kenntnis der Sachlage, w\u00fcrde er m\u00f6glicherweise entscheiden, Specht &amp; Freunde bekommen nicht f\u00fcr 200 000 Euro Holz, sondern nur f\u00fcr 20 000, mit dem Rest wird ein anderes gutes Werk vollbracht. Dann w\u00e4re es allerdings schwieriger den politisch vorgegebenen Umfang der Stilllegungsfl\u00e4che zu erreichen, oder aber der Nutzungsverzicht m\u00fcsste entsch\u00e4digt werden, was ohnehin der korrekte Weg w\u00e4re.<br \/>\nBewertet werden m\u00fcsste das Holz allerdings bei Hiebsreife, nicht wenn es schon entwertet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zusammenfassung<\/strong><br \/>\nDie sieben Beispiele zeigen, da\u00df sich die Forstverwaltungen im Jahr 300 der Forstlichen Nachhaltigkeit sehr weit vom alten Prinzip entfernt haben, sicher auch verursacht durch Personalmangel auf der Fl\u00e4che. Die forstliche Praxis gleicht sich immer mehr den Zust\u00e4nden in Nordamerika an : Totalschutz auf einem Teil der Fl\u00e4che und r\u00fccksichtsloses Wirtschaften auf dem andern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/waldkritik.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/HolzZentralblatt_10.01.2014.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-101\" src=\"https:\/\/waldkritik.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/HolzZentralblatt_10.01.2014-501x1024.jpg\" alt=\"HolzZentralblatt_10.01.2014\" width=\"501\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/waldkritik.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/HolzZentralblatt_10.01.2014-501x1024.jpg 501w, https:\/\/waldkritik.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/HolzZentralblatt_10.01.2014.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische Betrachtungen zur Wirklichkeit im Jubil\u00e4umsjahr von Richard Koch<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,1],"tags":[40,35,41,37,34,38,42,36,39,884],"class_list":["post-100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-baden-wuerttemberg","category-der-wald","tag-forsteinrichtung","tag-forstverwaltungen","tag-jagd","tag-maschinenwege","tag-nachhaltigkeit","tag-naehrstoffentzug","tag-naturschutz","tag-rueckegasse","tag-waldbau","tag-waldbodenverluste"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=100"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1749,"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions\/1749"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/waldkritik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}