{"id":440,"date":"2010-10-19T10:23:32","date_gmt":"2010-10-19T08:23:32","guid":{"rendered":"http:\/\/waldkritik.de\/?p=440"},"modified":"2016-07-24T16:46:51","modified_gmt":"2016-07-24T14:46:51","slug":"pflichtlektuere-fuer-die-landwirtschaftsminister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldkritik.de\/?p=440","title":{"rendered":"Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr die Landwirtschaftsminister"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<p class=\"subtitle\"><strong>David R. Montgomery: &#8220;Dreck&#8221;, oekom-Verlag, M\u00fcnchen 2010, 347 Seiten<\/strong><\/p>\n<dl class=\"largeImage\">\n<dt>\n<div class=\"image\"><img decoding=\"async\" title=\"Staub statt Ertrag: Feldarbeit bei Brandenburg\/Havel.\" src=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/media\/thumbs\/d\/d0a77a8c8a4fd16f78a7b65779aa8842v2_max_397x298_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg\" alt=\"Staub statt Ertrag: Feldarbeit bei Brandenburg\/Havel.\" \/><\/div>\n<\/dt>\n<dd>Staub statt Ertrag: Feldarbeit bei Brandenburg\/Havel. (AP)<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"kicker\">Aufgerissen, erodiert und ausgelaugt: Durch hemmungslose Ausbeutung schwinden weltweit wertvolle Bodenschichten, Hungersn\u00f6te und Kriege k\u00f6nnten die Folge sein, warnt der Geologe David Montgomery. Helfen k\u00f6nne nur noch ein Umstieg auf \u00f6kologische Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Die Hiobsbotschaften rei\u00dfen nicht ab: Erderw\u00e4rmung, Zerst\u00f6rung der Urw\u00e4lder, Wassernot und Artensterben. Jetzt steht die n\u00e4chste Katastrophe ins Welthaus. Diesmal geht um nicht mehr und nicht weniger als die Grundlage unserer Ern\u00e4hrung, und das ist der Boden, auf dem wir stehen. Ohne fruchtbare B\u00f6den gibt es kein Obst, kein Gem\u00fcse, keine Ackerfr\u00fcchte, kein Viehfutter. Nur eine bis zu einem Meter d\u00fcnne Schicht sichert die Ern\u00e4hrung der Menschheit. Und eben dieser n\u00e4hrstoffreiche Oberboden schwindet weltweit rapide.<\/p>\n<p>Ist er erst einmal verloren, dauert es Ewigkeiten, bis er sich wieder neu gebildet hat. Ein bis zwei Zentimeter pro Jahrhundert w\u00e4chst ein n\u00e4hrstoffreicher Boden dank Regenw\u00fcrmern und zahlreichen anderen Bodenorganismen, die Stickstoff, Kalium und Phosphor freisetzen, also jene N\u00e4hrstoffe, die Pflanzen zum Wachsen brauchen.<\/p>\n<p>Die wundersame Welt der Bodenflora und -fauna, der Bakterien und Pilze ist leider nicht das Thema von &#8220;Dreck&#8221;. Daf\u00fcr konzentriert sich David Montgomery auf die Geschichte der Bodenerosion, die mit dem Ackerbau und der Viehwirtschaft einsetzt. Anhand von historischen Bodenprofilen versucht der Geologe nachzuweisen, dass die gro\u00dfen Imperien der Vergangenheit nicht zuletzt an ihrem verantwortungslosen Umgang mit dem Boden zugrunde gegangen sind.<\/p>\n<p>Seine These: Mit dem Aufstieg der Kulturen wuchs die Bev\u00f6lkerung \u2013 und damit auch der Nahrungsmittelbedarf. Die fruchtbaren B\u00f6den waren ohne ausreichenden D\u00fcngernachschub binnen weniger Generationen ausgelaugt. Vom Pflug aufgerissen, trugen Regen und Wind zentnerweise Erde fort. Die Ernteertr\u00e4ge gingen drastisch zur\u00fcck. Nicht zuletzt deswegen unterwarf man fremde V\u00f6lker: um sich deren Ernten einzuverleiben. Das R\u00f6mische Reich etwa lebte, nachdem die italienischen B\u00f6den massiv degradiert waren, von Getreideeinfuhren aus \u00c4gypten. Selbst viele f\u00fcr ihren angeblich schonenden Umgang mit der Natur gepriesene Urv\u00f6lker beuteten ihre B\u00f6den hemmungslos aus und gingen unter.<\/p>\n<p>Doch auch die Neuzeit scheint nichts dazugelernt zu haben. Zwar haben Kunstd\u00fcnger und Pflanzenschutzmittel Mitte des letzten Jahr-hunderts zu einer massiven Steigerung der Ertr\u00e4ge pro Hektar ge-f\u00fchrt, aber die industrialisierte Landwirtschaft hat, so der Autor, zugleich den Humusabbau beschleunigt, mit Pestiziden und Kunstd\u00fcnger zahllose Bodenorganismen get\u00f6tet und die B\u00f6den ersch\u00f6pft. Ohne Kunstd\u00fcnger tragen sie kaum mehr Fr\u00fcchte. Kunstd\u00fcnger basiert aber auf Erd\u00f6l, und dessen Zeitalter geht zu Ende.<\/p>\n<p>Seine Thesen belegt Montgomery an zahlreichen Beispielen von der Antike bis zur Neuzeit. Seine Fakten pr\u00e4sentiert er klar und deutlich. Er pl\u00e4diert f\u00fcr einen Umstieg auf eine \u00f6kologische Landwirtschaft, die statt zu pfl\u00fcgen die B\u00f6den nur noch eggt, Pflanzenreste und Tierdung ausbringt, stickstoffbindende Zwischenfr\u00fcchte auss\u00e4t. Die Ernteertr\u00e4ge entsprechen durchaus denen der konventionellen Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Eindringlich warnt der Geologe davor, so weiterzumachen wie bisher. Sind die B\u00f6den erst einmal degradiert oder verloren, kann sie auf absehbare Zeit nichts mehr zur\u00fcckbringen. Hungersn\u00f6te, der Kollaps ganzer Gesellschaften, Kriege k\u00f6nnten die Folge sein. Ein Buch, das in die Hand eines jeden Landwirtschaftsministers geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><em>Besprochen von Johannes Kaiser<\/em><\/p>\n<p><strong>David R. Montgomery: Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verliert<\/strong><br \/>\nAus dem Englischen von Eva Walter<br \/>\noekom-Verlag, M\u00fcnchen 2010<br \/>\n347 Seiten, 24,90 Euro<\/p>\n<p>Quelle: <a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/pflichtlektuere-fuer-die-landwirtschaftsminister.950.de.html?dram:article_id=139270\">http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/pflichtlektuere-fuer-die-landwirtschaftsminister.950.de.html?dram:article_id=139270<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David R. Montgomery: &#8220;Dreck&#8221;, oekom-Verlag, M\u00fcnchen 2010, 347 Seiten Staub statt Ertrag: Feldarbeit bei Brandenburg\/Havel. (AP) Aufgerissen, erodiert und ausgelaugt: Durch hemmungslose Ausbeutung schwinden weltweit wertvolle Bodenschichten, Hungersn\u00f6te und Kriege k\u00f6nnten die Folge sein, warnt der Geologe David Montgomery. Helfen k\u00f6nne nur noch ein Umstieg auf \u00f6kologische Landwirtschaft. 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