Die schleichende Abkehr vom Prinzip der Nachhaltigkeit im Öffentlichen Wald.

Kritische Betrachtungen zur Wirklichkeit im Jubiläumsjahr
von Richard Koch

Im letzten Jahr feierte die deutsche Forstwirtschaft „300 Jahre Nachhaltigkeit“. Das Prinzip der Nachhaltigkeit gilt heute als „globales Leitbild“, Politiker bezeichnen es als „Überlebensprinzip“, sogar jede wirtschaftliche Heuschrecke nimmt sie für sich in Anspruch – und die öffentlichen Forstverwaltungen haben sich schleichend davon verabschiedet, einhergehend mit den massiven Stellenstreichungen.

Einige Beispiele aus Baden- Württemberg:

1. Waldverwüstung durch Großmaschinen.
Vorab sei klargestellt : Niemand ist gegen mechanisierte Holzernte, sofern sie in geeigneten Beständen stattfindet, auf geeigneten Standorten, mit geeigneter Technik, bei geeigneter Witterung. In der Realität sind es meist mehrere dieser Voraussetzungen die nicht zutreffen, die Schäden am Standort („Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit“) sind immens, am Bestand (Verjüngung) teilweise auch.

Viele Bestände sind heute nach mehreren Vollerntereinsätzen zu 30 % und mehr befahren, nicht (nur) mit wilder Befahrung, sondern  mit Rückegassen, die mehrfach um- verlegt wurden, entsprechend dem jeweiligen Stand der Technik. Ich kenne außerdem Sturmflächen, die sind total befahren, zwei Kulturen sind nacheinander abgestorben (erst Eiche, dann Bergahorn), jetzt stocken Brombeere und Hecken darauf mit etwas Nuß im Weitverband darüber.
Nachdem die ebenen Lagen im Öffentlichen Wald durch Befahrung nun „nachhaltig“ „verrammelt“ sind, ermöglicht die neueste Technik die Befahrung von Steilhängen. Teilweise werden vollständig mit Maschinenwegen erschlossene Hänge mit Rückegassen in Falllinie überfahren, die Technik ist betriebseigen vorhanden und wird eingesetzt, die Erosionsgefahr (Hangwasser) wird ausgeblendet. Auf der ständigen Suche nach Einschlagsmöglichkeiten sind die meisten Revierleiter für die  hohen Hektaranfälle (Gassenanfälle) dankbar, und sie stellen  ihre Bedenken zurück.
Verschiedene KWF- Tagungen waren sicher Versuche, Bodenkunde und Maschineneinsatz in Einklang zu bringen, es traf dort aber – wie schon seit Jahren – eine schlafmützige Bodenkunde auf eine pfiffige Maschinenlobby. Während die Bodenkundler über die Sanierung der Befahrungsschäden mittels Erlen philosophierten, ohne überhaupt zu registrieren, in welch gigantischem Ausmaß noch immer Neubefahrung stattfindet, verbreiteten die Maschinenleute weiter erfolgreich ihre Mähr von der „Armierung der Rückegassen“ mittels Ästen und Gipfelholz. Die Argumentation mit dieser Art der Gassenbefestigung ist erstaunlicherweise noch immer erfolgreich, keiner enttarnt sie als die gigantische Scharlatanerie, die sie ist : Wenn argumentiert wird, daß es Flächen gibt auf denen produziert wird, und Flächen, auf denen notgedrungen gefahren werden muss, gehört das organische Material auf die Produktionsfläche, sonst fährt man bei jedem weiteren Eingriff in mehr Humus herum, während auf der Fläche die Nährstoffe fehlen.  Außerdem reicht das Material bestenfalls bei den ersten planmäßigen Eingriffen aus, um eine halbwegs tragende „Armierung“ zu erreichen.
Besonders bedenklich ist, daß Verwaltungsspitze, Haupt- Zertifizierer und Forsteinrichtung alle Hinweise ignorieren, und sich nicht mit dem Umfang der Flächenbefahrung und dem Ausmaß der Bodenschäden auseinandersetzen.

2. Unterhaltung der Rückegassen und Maschinenwege
Die vorhandene Feinerschließung ist in vielen Betrieben ungepflegt und nur eingeschränkt benutzbar, auf weicheren Standortspartien haben sich Feuchtbiotope gebildet, vor allem auf den Sturmflächen ist sie zugewachsen und kaum noch erkennbar. Kleinere Zufällige Anfälle können nicht genutzt werden, eine künftige Neuerschließung (mit Neubefahrung) ist naheliegend.

3. Nährstoffentzug
Die Deponierung des organischen Materials auf den Gassen und die Ganzbaumnutzung führen zu einem Nährstoffentzug, der größenordnungsmäßig früherer Streunutzung nahe kommt. Die langfristigen Folgen sind daher bekannt.

4. Waldbau
Die häufig angeordnete Durchforstungstheorie hat in vielen Beständen zu einer Verschlechterung der Holzqualität und einem großem Verlust an Stammzahl geführt : In Durchforstungsbeständen mit etwas Struktur wird – wohl unter dem Eindruck der Stürme der letzte Jahrzehnte – der vorherrschende, stabile, aber qualitativ schlechte Stamm zum Z- Stamm erkoren, entfernt werden die qualitativ guten, mitherrschenden Stämme, der ausscheidende Bestand ist schwach und stammzahlreich. Eine andere Auswahl würde aber vorsichtigere Eingriffsstärken voraussetzen.
Damit einhergegangen ist eine starke Zurückdrängung von Fichte, auch auf geeigneten Standorten.

5. Forsteinrichtung
Die Forsteinrichtung hat in den letzten beiden Jahrzehnten für viel Geld mit Betriebsinventuren gearbeitet, bei denen es reiner Zufall wäre, würde außer der Jahreszahl eine weitere Zahl stimmen. Vorrat und Zuwachs wurden häufig zu hoch „berechnet“, es wurden eine Periode lang Übervorräte abgebaut, die praktisch nicht vorhanden waren, bei der Neueinrichtung geht der Hiebsatz merklich zurück, dem Waldbesitzer wird erzählt, die Voreinrichtung habe den Vorrat „überschätzt“, nachdem damals argumentiert worden war „wir hatten noch nie genauere Zahlen über ihren Wald“.

6.Jagd
In den Sturmflächen der letzen Jahrzehnte haben sich hohe Schalenwildbestände entwickelt, die gewaltige Schäden verursachen und noch verursachen werden.

7. Naturschutz
Der Druck des Naturschutzes auf Ausweisung größerer Alt- und Totholzflächen ist enorm. Für den Waldbesitzer gibt es aber mit Sicherheit bessere „Geschäfte“, als aus einem Bestand 150 Jahre lang die qualitativ schlechteren Exemplare herauszuhauen, um die guten zu fördern, und diese dann aus Naturschutzgründen verfaulen zu lassen. Daß dies trotzdem geschieht, ist die Entscheidung des Waldbesitzers. Verwerflich ist lediglich, wenn die Forstverwaltung dem (kommunalen) Waldbesitzer es so empfiehlt, dies sei ein gutes Werk für den Naturschutz, ihm aber nicht darlegt, was ihn dieses gute Werk an Nutzungsentgang „kostet“. Bei Kenntnis der Sachlage, würde er möglicherweise entscheiden, Specht & Freunde bekommen nicht für 200 000 Euro Holz, sondern nur für 20 000, mit dem Rest wird ein anderes gutes Werk vollbracht. Dann wäre es allerdings schwieriger den politisch vorgegebenen Umfang der Stilllegungsfläche zu erreichen, oder aber der Nutzungsverzicht müsste entschädigt werden, was ohnehin der korrekte Weg wäre.
Bewertet werden müsste das Holz allerdings bei Hiebsreife, nicht wenn es schon entwertet ist.

Zusammenfassung
Die sieben Beispiele zeigen, daß sich die Forstverwaltungen im Jahr 300 der Forstlichen Nachhaltigkeit sehr weit vom alten Prinzip entfernt haben, sicher auch verursacht durch Personalmangel auf der Fläche. Die forstliche Praxis gleicht sich immer mehr den Zuständen in Nordamerika an : Totalschutz auf einem Teil der Fläche und rücksichtsloses Wirtschaften auf dem andern.

HolzZentralblatt_10.01.2014

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